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Justine Tanoey, Rajini Nagrani, Hermann Pohlabeln et al.

Typ-2-Diabetes bei jungen Erwachsenen: Armut und Migrationserfahrung spielen eine Rolle

Schwerpunktthemen: Diabetes, Forschung, Jugendgesundheit

Typ-2-Diabetes trifft in Deutschland immer häufiger junge Erwachsene. Neue Daten zeigen: Armut, geringe Bildung und eigene Migrationserfahrung gehen damit einher. Eine Studie des Leibniz-Instituts für Präventionsforschung und Epidemiologie - BIPS auf Basis der NAKO-Gesundheitsstudie findet diese sozialen Unterschiede auch dann, wenn familiäre Vorbelastung und der eigene Lebensstil einbezogen werden.

Die NAKO ist eine bevölkerungsbezogene Studie mit rund 205.000 Teilnehmenden. Die Basiserhebung lief von 2014 bis 2019 an 18 Studienzentren in ganz Deutschland. Für die aktuelle Auswertung verglich das Team 808 Erwachsene zwischen 20 und 45 Jahren, die bereits an Typ-2-Diabetes erkrankt waren, mit einer gematchten Vergleichsgruppe von 4.035 Teilnehmenden ohne Diabetes. So ließ sich die Rolle sozioökonomischer und migrationsbezogener Faktoren genauer betrachten.

Die soziale Lage zeichnete sich deutlich in den Daten ab. Junge Erwachsene unterhalb der Armutsgefährdungsschwelle - also mit weniger als 60 Prozent des mittleren Haushaltseinkommens - fanden sich klar häufiger in der Diabetes-Gruppe. Das Gleiche gilt für Menschen mit geringerem Bildungsabschluss. Auch Arbeitslosigkeit war unter den früh Erkrankten häufiger als unter den Erwerbstätigen, ebenso körperliche und geringer qualifizierte Tätigkeiten im Vergleich zu Angestellten, Fachkräften und Führungskräften. Ähnliches zeigte sich bei Menschen, die selbst nach Deutschland eingewandert sind. Für die zweite Generation (Kinder von Eingewanderten, die in Deutschland geboren wurden) ergab sich kein klarer Zusammenhang. Das Team hat zudem große Herkunftsregionen betrachtet. Diese Unterschiede sind mit Vorsicht zu lesen, weil einige Gruppen klein waren.

Der soziale Unterschied trat vor allem bei Teilnehmenden mit Übergewicht oder Adipositas auf (Body-Mass-Index ab 25 kg/m²). Das deutet darauf hin, dass soziale Benachteiligung die Stoffwechselgesundheit vor allem über das Körpergewicht berührt. Unter den früh Erkrankten hatten 72 Prozent Übergewicht oder Adipositas, in der Vergleichsgruppe 46 Prozent. Plausible Erklärungen: teures gesundes Essen, dauerhafter sozialer Stress, wenig Gelegenheit zur Bewegung. Das Team betont, dass sich aus dem Querschnittsdesign nicht ablesen lässt, was zuerst da war: die soziale Benachteiligung oder der Diabetes. Vor kausalen Deutungen warnt es ausdrücklich. Die Ergebnisse passen aber zu deutschen und internationalen Befunden, die ein ähnliches soziales Muster bei Typ-2-Diabetes zeigen.

Ein Punkt schränkt die Zahlen zusätzlich ein: Wer an der NAKO teilnimmt, muss in Deutschland gemeldet sein und ausreichend Deutsch sprechen. Die am stärksten benachteiligten Gruppen sind darin also kaum vertreten: Menschen ohne Papiere, Asylsuchende ohne Sprachzugang, Menschen ohne Wohnung. Die tatsächliche soziale Ungleichheit beim früh auftretenden Diabetes dürfte deshalb größer sein als hier gemessen.

Die Studie liegt auf Englisch vor.

Online verfügbar:
https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0033350626002945?via%3Dihub

Zitation:
Tanoey, J., Nagrani, R., Pohlabeln, H., Guenther, K., Schulze, M. B., Fischer, B., Ahrens, W., Becher, H., Berger, K., Bibi, S., Brenner, H., Harries, M., Harth, V., Heise, J., Karch, A., Krist, L., Leitzmann, M., Lieb, W., Markus, M. R. P., . . . Aleksandrova, K. (2026). Socioeconomic and migration-related disparities in prevalent young-onset type 2 diabetes: Data from the German National Cohort (NAKO). Public Health, 258, 106425. https://doi.org/10.1016/j.puhe.2026.106425

Kontakt:
Justine Tanoey
tanoey(at)leibniz-bips.de


 


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