Die Ergebnisse aller drei Studien zeigen, wie Einstellungen, Lebensumstände und Erfahrungen mit dem deutschen Gesundheitssystem ineinandergreifen und die Teilnahme an Früherkennung von migrantischen Frauen aus dem Nahen und Mittleren Osten beeinflussen. Grundsätzlich war die Offenheit gegenüber Krebsfrüherkennung unter den Studienteilnehmenden groß. Viele beschrieben eine genuine Motivation, etwas für ihre Gesundheit zu tun. Dass Früherkennungsuntersuchungen über die gesetzliche Krankenversicherung kostenfrei zugänglich sind, wurde dabei besonders hervorgehoben, denn medizinische Versorgung ist in den Herkunftsländern den Teilnehmenden überwiegend privat finanziert oder limitiert.
Ob diese Motivation zur Teilnahme führte, hing jedoch von sehr unterschiedlichen Voraussetzungen ab. Was sich als roter Faden durch die Ergebnisse zieht, ist die Bedeutung von Sprache als Schlüssel zu institutionellen Abläufen und selbstbestimmten, gesundheitsbezogenen Entscheidungen: wie Überweisungen funktionieren, welche Leistungen abgedeckt sind, wie Termine organisiert werden. Wer Deutsch spricht oder jemanden kennt, der mit dem Gesundheitssystem vertraut ist und die deutsche Sprache spricht, hat einen grundlegend anderen Ausgangspunkt als eine Frau, die weder auf eigene noch auf die Deutschkenntnisse anderer zurückgreifen kann.
Hinzu kommt die Komplexität des Gesundheitssystems selbst: Die Unterscheidung zwischen kassenärztlichen und privaten Leistungen, nicht übersetzbare Fachbegriffe (z. B. Überweisung, Einweisung) und lange Wartezeiten auf Termine wurden als schwer verständlich und oft frustrierend erlebt. Gleichzeitig wurde die wachsende Zahl von Ärztinnen und Ärzten mit Migrationsgeschichte von vielen Teilnehmenden als Erleichterung in sprachlicher und kommunikativer Hinsicht hervorgehoben, da geteilte Erfahrungen über Migration und das Zurechtfinden in einer neuen Umgebung Vertrauen ermöglichten.
Erfahrungen von Diskriminierung und antimuslimischem Rassismus wirkten sich zudem auf die Teilnahme an Früherkennung aus. Insbesondere Frauen, die ein Kopftuch tragen, berichteten von wahrgenommener Ungleichbehandlung, Stereotypisierungen und/oder davon, dass sie sich bei Arztbesuchen nicht ernstgenommen fühlten. Dieser Befund deckt sich mit Daten des Nationalen Diskriminierungs- und Rassismusmonitors, die zeigen, dass Personen, die sich als muslimisch identifizieren, überdurchschnittlich häufig Diskriminierungserfahrungen im Gesundheitssystem machen und dass fast jede zweite betroffene Frau angab, notwendige medizinische Behandlungen aus Angst vor Diskriminierung aufzuschieben oder zu vermeiden (DeZIM, 2023).
Neben diesen strukturellen Faktoren spielen individuelle Überzeugungen, Werte und Prägungen eine Rolle. Religiöse Einstellungen können beispielsweise in beide Richtungen auf die Teilnahme an Früherkennung wirken: Manche Teilnehmende beschrieben ihren Glauben als Motivation, gut auf den eigenen Körper zu achten und Vorsorge als Ausdruck dieser Verantwortung zu verstehen. Andere berichteten eher fatalistische Haltungen und nahmen Krankheit als Schicksal wahr oder lehnten Untersuchungen ab, wenn gleichgeschlechtliche Fachpersonen nicht verfügbar waren. Bei gynäkologischen Untersuchungen spielten zudem Scham und Prägungen im Umgang mit Körperlichkeit und Intimität eine Rolle.