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Hanna Lütke Lanfer

Krebsfrüherkennung bei Frauen mit Migrationsgeschichte

Befunde aus dem Projekt „Kultursensible Informationen zu Krebsprävention und Krebsfrüherkennung (KIKK)“

Schwerpunktthemen: Frauengesundheit, Krebs, Prävention

Krebsfrüherkennungsuntersuchungen zielen darauf ab, Krebs oder seine Vorstufen möglichst früh zu erkennen und somit das Risiko schwerer Krankheitsverläufe zu senken. Krebsfrüherkennung zählt zu den am stärksten geförderten Präventionsmaßnahmen im deutschen Gesundheitssystem und ist über die gesetzliche Krankenversicherung freiwillig und kostenfrei zugänglich. Eine informierte Entscheidung zur Teilnahme setzt voraus, dass Patientinnen und Patienten wissen, dass es diese Angebote gibt, was sie bedeuten, wie sie zugänglich sind, und dass sie Vor- und Nachteile kennen und abwägen können (IQWiG, 2022). Akteurinnen und Akteure des Gesundheitssystems, die Patientinnen und Patienten zu einer informierten Entscheidung befähigen möchten, benötigen Kenntnisse über die Lebenssituationen, Vorerfahrungen mit Gesundheitsversorgung und die Informations- und Kommunikationsnetzwerke verschiedener Bevölkerungsgruppen. Wer nimmt unter welchen Bedingungen an Früherkennungsuntersuchungen teil, wer nicht – und warum?

Studien deuten darauf hin, dass die Inanspruchnahme von Früherkennungsangeboten bei Personen mit Migrationshintergrund geringer ausfällt als in der Gesamtbevölkerung (Brzoska et al., 2020; Starker et al., 2021). Nun ist der in Deutschland oft verwendete Begriff ‚Migrationshintergrund‘ nur begrenzt aussagekräftig, weil er die erste und zweite Zuwanderungsgeneration, unterschiedliche Herkunftsländer, Aufenthaltsdauern, Migrationswege und sozioökonomische Lebenslagen zusammenfasst. Seit den geopolitischen Umbrüchen der 2010er Jahre stellen Personen aus der Region des Mittleren und Nahen Ostens, wie Afghanistan, Irak, Iran und Syrien, neben ukrainischen Geflüchteten einen erheblichen Anteil der ersten Zuwanderungsgeneration in Deutschland dar (Statistisches Bundesamt, 2025). Zu den Einstellungen über, Zugangsbedingungen und Teilnahmemustern bei Krebsfrüherkennungsuntersuchungen in Bevölkerungsgruppen aus dieser Region gibt es bislang wenig Evidenz. Diese Lücke war Ausgangspunkt für das von der Deutschen Krebshilfe geförderte KIKK-Projekt (Kultursensible Information zu Krebsprävention und Krebsfrüherkennung) an der Universität Bielefeld.

Das KIKK-Projekt umfasste drei aufeinander aufbauende qualitative Studien mit unterschiedlichen Zielgruppen. Die erste Studie befragte Fachpersonal, das in der Krebsfrüherkennung tätig ist, darunter Ärztinnen und Ärzte (z. B. aus Gynäkologie und Dermatologie) sowie Sprachmittlerinnen und Sprachmittler (Luetke Lanfer & Reifegerste, 2025). Die zweite Studie richtete sich an Laien mit Migrationsgeschichte aus der Region des Mittleren und Nahen Ostens und erhob unter anderem deren Netzwerke und navigationale Gesundheitskompetenz (Fähigkeit, sich im Gesundheitssystem zurechtzufinden); zugleich wurden die Teilnehmenden gefragt, ob sie Interesse an einer partizipativen Mitarbeit in einer Folgestudie hätten. Vier Personen – drei davon Frauen – erklärten sich bereit und wurden zu Co-Forschenden der dritten Studie (Luetke Lanfer et al., 2025). In dieser dritten, partizipativ angelegten Studie entwickelten die Co-Forschenden auf Basis ihrer Vorerfahrungen ein Erhebungsinstrument zu Krebsfrüherkennung mit, führten Interviews in ihren eigenen Netzwerken durch und waren an Datenauswertung und Publikation beteiligt (Luetke Lanfer et al., 2026). Durch diesen Zugang konnten Personen einbezogen werden, die über klassische Rekrutierungswege aufgrund eingeschränkter Deutschkenntnisse oder schwieriger Erreichbarkeit kaum hätten gewonnen werden können.

Einflussfaktoren auf die Zugangsbedingungen zu Krebsfrüherkennung

Die Ergebnisse aller drei Studien zeigen, wie Einstellungen, Lebensumstände und Erfahrungen mit dem deutschen Gesundheitssystem ineinandergreifen und die Teilnahme an Früherkennung von migrantischen Frauen aus dem Nahen und Mittleren Osten beeinflussen. Grundsätzlich war die Offenheit gegenüber Krebsfrüherkennung unter den Studienteilnehmenden groß. Viele beschrieben eine genuine Motivation, etwas für ihre Gesundheit zu tun. Dass Früherkennungsuntersuchungen über die gesetzliche Krankenversicherung kostenfrei zugänglich sind, wurde dabei besonders hervorgehoben, denn medizinische Versorgung ist in den Herkunftsländern den Teilnehmenden überwiegend privat finanziert oder limitiert.

Ob diese Motivation zur Teilnahme führte, hing jedoch von sehr unterschiedlichen Voraussetzungen ab. Was sich als roter Faden durch die Ergebnisse zieht, ist die Bedeutung von Sprache als Schlüssel zu institutionellen Abläufen und selbstbestimmten, gesundheitsbezogenen Entscheidungen: wie Überweisungen funktionieren, welche Leistungen abgedeckt sind, wie Termine organisiert werden. Wer Deutsch spricht oder jemanden kennt, der mit dem Gesundheitssystem vertraut ist und die deutsche Sprache spricht, hat einen grundlegend anderen Ausgangspunkt als eine Frau, die weder auf eigene noch auf die Deutschkenntnisse anderer zurückgreifen kann.

Hinzu kommt die Komplexität des Gesundheitssystems selbst: Die Unterscheidung zwischen kassenärztlichen und privaten Leistungen, nicht übersetzbare Fachbegriffe (z. B. Überweisung, Einweisung) und lange Wartezeiten auf Termine wurden als schwer verständlich und oft frustrierend erlebt. Gleichzeitig wurde die wachsende Zahl von Ärztinnen und Ärzten mit Migrationsgeschichte von vielen Teilnehmenden als Erleichterung in sprachlicher und kommunikativer Hinsicht hervorgehoben, da geteilte Erfahrungen über Migration und das Zurechtfinden in einer neuen Umgebung Vertrauen ermöglichten.

Erfahrungen von Diskriminierung und antimuslimischem Rassismus wirkten sich zudem auf die Teilnahme an Früherkennung aus. Insbesondere Frauen, die ein Kopftuch tragen, berichteten von wahrgenommener Ungleichbehandlung, Stereotypisierungen und/oder davon, dass sie sich bei Arztbesuchen nicht ernstgenommen fühlten. Dieser Befund deckt sich mit Daten des Nationalen Diskriminierungs- und Rassismusmonitors, die zeigen, dass Personen, die sich als muslimisch identifizieren, überdurchschnittlich häufig Diskriminierungserfahrungen im Gesundheitssystem machen und dass fast jede zweite betroffene Frau angab, notwendige medizinische Behandlungen aus Angst vor Diskriminierung aufzuschieben oder zu vermeiden (DeZIM, 2023).

Neben diesen strukturellen Faktoren spielen individuelle Überzeugungen, Werte und Prägungen eine Rolle. Religiöse Einstellungen können beispielsweise in beide Richtungen auf die Teilnahme an Früherkennung wirken: Manche Teilnehmende beschrieben ihren Glauben als Motivation, gut auf den eigenen Körper zu achten und Vorsorge als Ausdruck dieser Verantwortung zu verstehen. Andere berichteten eher fatalistische Haltungen und nahmen Krankheit als Schicksal wahr oder lehnten Untersuchungen ab, wenn gleichgeschlechtliche Fachpersonen nicht verfügbar waren. Bei gynäkologischen Untersuchungen spielten zudem Scham und Prägungen im Umgang mit Körperlichkeit und Intimität eine Rolle.

Intersektionale Perspektive: Mehr als Migrationshintergrund und Geschlecht

Neben diesen übergeordneten Faktoren zeigte sich, dass die soziodemografischen Merkmale ‚Geschlecht‘ und ‚Migrationshintergrund‘ grundsätzlich intersektional – also im Zusammenspiel mit weiteren Merkmalen wie Bildung, Erwerbsstatus, Familienstand und Alter – betrachtet werden müssen. Dies lässt sich an den Profilen zweier Teilnehmerinnen unserer Studie illustrieren: Eine Teilnehmerin, die zum Studienzeitpunkt vor drei Monaten für ihr Studium nach Deutschland gekommen war, hatte in der kurzen Zeit ihres Aufenthalts über Telegram-Gruppen bereits eine Ärztin gefunden, die ihre Muttersprache sprach, und einen Termin für eine gynäkologische Untersuchung vereinbart. Sie kannte das Konzept der Krebsfrüherkennung aus ihrem Herkunftsland, wusste, wo sie in Deutschland Informationen findet, und konnte auf Englischsprachkenntnisse zurückgreifen, die ihr die Kommunikation im Gesundheitssystem erleichterten. Ihr Weg zur Vorsorge verlief reibungslos. Ganz anders sah die Ausgangslage einer anderen jungen Frau aus, die über den Familiennachzug vor acht Jahren nach Deutschland gekommen war, kurz nach der Ankunft schwanger wurde und seither kaum Kontakt außerhalb des familiären Haushalts und der Diaspora ihres Herkunftslandes hatte. Sie sprach neben ihrer Muttersprache nur wenig Deutsch, hatte keinen Sprachkurs absolviert, war nicht erwerbstätig und stark in Betreuungsaufgaben eingebunden. Krebsfrüherkennung war kein Teil ihrer Gesundheitsbiographie, im Herkunftsland hatte sie nie an einer teilgenommen. Ihre Nicht-Teilnahme in Deutschland war keine Entscheidung gegen Vorsorge, sondern das Ergebnis aus Nichtbekanntheit, Unvertrautheit mit dem deutschen Gesundheitssystem, Zeitmangel, keine gemeinsame Sprache und internalisierten Normen, dass Frauen sich und ihre Bedürfnisse hinter denen ihrer Familie zurückstellen müssen.

Zwischen diesen beiden Extremen liegt eine große Bandbreite. Es fiel jedoch auf, dass Frauen, die über Familiennachzug nach Deutschland kommen, strukturell anders positioniert waren als solche, die über Asyl, Studium oder Erwerbsmigration einreisen und besonders in der ersten Zeit nach der Migration institutionell mehr eingebunden wurden. Letztere nahmen zumindest zeitweise an Sprach- und Integrationskursen und begleitenden Beratungsangeboten teil, über die auch gesundheitsbezogene Informationen vermittelt wurden. Für Frauen im Familiennachzug entfiel diese Möglichkeit in vielen Fällen vollständig und oblag in der Verantwortung der in Deutschland wohnenden Familie, dies zu ermöglichen. Hinzu kamen unter jüngeren Frauen oft viel unbezahlte Care-Arbeit und oft sehr kleine, wenig diverse soziale Netzwerke vor – Bedingungen, unter denen eigene Gesundheitsbedürfnisse, Krebsfrüherkennung eingeschlossen, über Jahre nachrangig behandelt wurden.

Implikationen für die Praxis

Um die generell positive Einstellung gegenüber Früherkennung unter Migrantinnen und Migranten aus der Region des Mittleren und Nahen Ostens (und darüber hinaus) zu fördern, ergeben sich Implikationen für die Praxis:

  • Die in Deutschland fehlende gesetzliche Verankerung professioneller Sprachmittlung ist besonders im ambulanten Bereich spürbar und kann nur bedingt durch informelle Lösungen wie dolmetschende Familienmitglieder oder automatisierte, technische Übersetzung kompensiert werden. Als niedrigschwellige Lösung bieten sich punktuelle Video- oder Telefonzuschaltungen professioneller Sprachmittlerinnen und Sprachmittler an, die zudem auch für beide Seiten (Ärztin und Arzt sowie Patientin und Patient) die jeweils andere Perspektive erklären kann.
  • Ärztinnen und Ärzte genossen unter unseren Teilnehmenden grundsätzlich Vertrauen und die Teilnahme an einer hochwertigen, kostenlosen Versorgung wurde häufig positiv hervorgehoben. Diese bejahende Grundeinstellung zu Krebsfrüherkennung kann im ärztlichen Gespräch bestärkt werden, in dem den Patientinnen und Patienten Raum gegeben wird, der Ambivalenz Ausdruck zu verleihen, die Krebsfrüherkennung für manche Frauen angesichts von Diskriminierungserfahrungen im Gesundheitssystem, Unsicherheiten über Kosten und Verfahren oder Scham bei körperlichen Untersuchungen bedeuten kann.
  • Informations- und Beratungsangebote sollten nicht primär den Migrationshintergrund der Person in den Vordergrund stellen, sondern die konkrete Lebenssituation: Wie lange lebt jemand in Deutschland? Wie ist die Person eingebunden – beruflich, sozial, institutionell? Welche Vorerfahrungen mit Gesundheitsversorgung und Prävention bestehen? Weil migrantische Bevölkerungsgruppen sehr heterogen sind, können pauschale Ansprachestrategien an der Lebenswirklichkeit von Frauen, insbesondere marginalisierten, vorbeigehen.
  • Schriftliche Informationsmaterialien, auch mehrsprachige, erreichen die am stärksten marginalisierten Frauen strukturell kaum. Wirkungsvoller sind Gespräche in vertrauten Kontexten, wie in Sprachkursen, in Kitas und Schulen oder bei Sozialberatungen durch Personen, denen die Frauen bereits vertrauen.

Autorin

Dr. Hanna Lütke Lanfer ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Fakultät für Gesundheitswissenschaften der Universität Bielefeld. Sie hat gemeinsam mit Prof. Dr. Doreen Reifegerste das Projekt „Kultursensible Informationen zu Krebs für Menschen mit Migrationshintergrund (KIKK)“ (01.08.2023 bis 31.07.2026) geleitet.

Kontakt:
hanna.luetkelanfer@uni-bielefeld.de

Literatur

Brzoska, P., Aksakal, T. & Yilmaz-Aslan, Y. (2020). Utilization of cervical cancer screening among migrants and non-migrants in Germany: results from a large-scale population survey. BMC public health, 20(1), 5. https://doi.org/10.1186/s12889-019-8006-4

Deutsches Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung (DeZim) (2023). Rassismus und seine Symptome. Bericht des Nationalen Diskriminierungs- und Rassismusmonitors (978-3-948289-64-5).

Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) (2022). Früherkennung – Was kann mich bei meiner Entscheidung unterstützen?  https://www.gesundheitsinformation.de/frueherkennung.html#Was-kann-mich-bei-meiner-Entscheidung-unterst%C3%BCtzen ation.de

Luetke Lanfer, H., Reifegerste, D., Efthekhar, M., & Noor, K. (2026). Understanding cancer screening participation patterns among first-generation migrants in Germany: A typology based on the intersections of hindering and facilitating factors. International Journal for Equity in Health, 25(96). https://doi.org/10.1186/s12939-026-02843-w

Lütke Lanfer, H., & Reifegerste, D. (2025). Experiences and Understandings of Cultural Health Capital: A Qualitative Study with Migrants in the German Healthcare System. In A. Ort, S. Mantwill, & A. Romanova (Eds.), Insight to Impact: Translating Health Communication Research into Policy and Action. https://www.ssoar.info/ssoar/handle/document/106143

Luetke Lanfer, H., Touzel, V. & Reifegerste, D. (2025). Semi-professional language mediators in patient-provider interactions in Germany: an interview study. BMC health services research, 25(1), 668. doi.org/10.1186/s12913-025-12832-4

Starker, A., Hövener, C. & Rommel, A. (2021). Utilization of preventive care among migrants and non-migrants in Germany: results from the representative cross-sectional study 'German health interview and examination survey for adults (DEGS1)'. Archives of public health, 79(1), 86. doi.org/10.1186/s13690-021-00609-0

Statistisches Bundesamt (2025). Migration und Integration. https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bevoelkerung/Migration-Integration/_inhalt.htm


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