Psychische Störungen gehören zu den häufigsten und folgenschwersten Gesundheitsproblemen in Deutschland. Rund ein Viertel der erwachsenen Bevölkerung ist innerhalb eines Jahres von einer psychischen Störung betroffen, etwa die Hälfte erkrankt im Laufe des Lebens. Psychische Erkrankungen beginnen häufig bereits im Kindes- und Jugendalter, verursachen erhebliche Einschränkungen von Lebensqualität und Teilhabe und sind mit hohen gesellschaftlichen und volkswirtschaftlichen Kosten verbunden. Gleichzeitig zeigt die wissenschaftliche Evidenz eindeutig: Ein substanzieller Anteil dieser Krankheitslast ist vermeidbar. Prävention psychischer Störungen und die Förderung psychischer Gesundheit sind wirksam, häufig kosteneffektiv und über die gesamte Lebensspanne hinweg möglich.
Das zentrale Problem in Deutschland ist heute nicht ein Mangel an Wissen, sondern ein Mangel an Umsetzung. Obwohl wirksame Maßnahmen zur Gesundheitsförderung, Prävention, Frühintervention und Rückfallprophylaxe vorliegen, sind diese bislang weder systematisch gesteuert noch ausreichend finanziert noch konsequent in Versorgung und andere Politikfelder integriert. Prävention bleibt vielfach projektförmig, fragmentiert und erreicht die Bevölkerung nur begrenzt. Besonders sichtbar werden diese Defizite im Jugend- und jungen Erwachsenenalter, bei Kindern psychisch und suchterkrankter Eltern, in der Förderung von Brain Health und der Demenzprävention sowie in der Umsetzung evidenzbasierter Maßnahmen der Suizidprävention.
Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde e. V. (DGPPN) fordert deshalb einen grundlegenden Paradigmenwechsel: Die Förderung psychischer Gesundheit und die Prävention psychischer Störungen müssen von einer projektförmigen Zusatzaufgabe zu einer verbindlichen Kernaufgabe staatlichen Handelns werden. Erforderlich ist eine nationale Gesamtstrategie nach dem Prinzip Mental Health in All Policies (MHiAP), die psychische Gesundheit als ressortübergreifende Querschnittsaufgabe auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene verankert. Prävention muss über die gesamte Lebensspanne hinweg gedacht werden und universelle, selektive, indizierte sowie tertiärpräventive Ansätze systematisch miteinander verbinden. Ebenso bedarf es einer nachhaltigen Finanzierung, eines leistungsfähigen Monitorings sowie einer konsequenten Umsetzung evidenzbasierter Maßnahmen in den Lebenswelten der Menschen.